Einfluss von kleberinduzierten Hautverunreinigungen auf die Fingerprint-Erkennung

Heidi Wesemann-Schlegel · Manfred Bromba
Bromba GmbH · http://www.bromba.com/contacte.htm
Permanente Adresse zum Zitieren: urn:nbn:de:0125-2008032509
2005-12-15

Es ist eine altbekannte Tatsache, dass eine gut funktionierende elektronische Erkennung des Fingerabdrucks nicht nur von der Technik, sondern auch von der Beschaffenheit des Fingers abhängt, der dem Sensor bzw. dem Scanner präsentiert wird. So kann je nach Sensor z.B. zu trockene Haut, zu feuchte Haut, strapazierte Haut oder verschmutzte Haut zu Problemen führen. 

Zielsetzung

In dieser Untersuchung geht es primär um Erkennungsprobleme bei mit Klebstoffen verschmutzter Haut. Ziel war es, exemplarisch festzustellen, wie stark die Beeinträchtigung in der Praxis qualitativ ausfällt und wie lange sie anhält. Die Beeinträchtigung äußert sich insbesondere in einer hohen Failure-to-Enroll-Rate (FER) oder Falschrückweisungsrate (FRR), die zu einer Abweisung des Benutzers führt. 

Quantitative Ergebnisse waren nicht Gegenstand dieser Untersuchung.

Zusammenfassung

Nach Untersuchung des Verhaltens von verklebten Fingern bei drei unterschiedlichen Sensoren (ein druckbasierender, ein optischer und ein kapazitiver) ergaben sich folgende Feststellungen:

Alles- und Kontaktkleber wie Pattex, Uhu und Uhu hart sind grundsätzlich relativ leicht wieder zu entfernen, und zwar entweder mechanisch oder mit geeigneten Lösungsmitteln. Somit stellen diese Kleber keine wirkliche Beeinträchtigung dar und wurden hier nicht gesondert betrachtet.

Dahingegen benötigt ein Sekundenkleber auf Basis Cyanacrylat bis zu einem Tag, um gänzlich zu verschwinden, wofür mechanischer Abrieb und allmähliche Abstoßung durch die Haut die Hauptursache darstellen. Eine kurzfristige Entfernung dieser Kleber von der Hautoberfläche ist nur beschränkt und mechanisch möglich.

Selbst wenn der Auftrag des Sekundenklebers fast unsichtbar ist, lässt sich der betreffende Finger bei entsprechend dickem Auftrag weder vom kapazitiven, noch vom optischen Sensor in ausreichender Qualität erfassen. Obwohl Drucksensoren in diesem Fall bessere Bilder liefern, ist auch hier die Qualität deutlich reduziert. Erst nach einigen Stunden hat sich der Kleber soweit gelöst, dass wieder eine normale Fingerabdruck-Erkennung möglich ist. 

Versuchsdurchführung

Versuchsteilnehmer
Da nur exemplarische Ergebnisse gefragt waren, wurden alle Versuche mit nur einem Testfinger durchgeführt.
Verbrauchsmaterial
Zur Auswahl standen drei Sekundenkleber von den gängigen Herstellern Pattex und Uhu, und zwar zwei flüssige Kleber und einer mit gelartiger Konsistenz:
  1. Uhu Sekundenkleber blitzschnell Art. Nr.  45570 
  2. Uhu Sekundenkleber Alleskleber Art. Nr. 46130 
  3. Pattex Sekundenkleber Gel 
Kleber 1
Kleber 2
Kleber 3
Equipment
Der Versuchsaufbau bestand aus drei Fingerprint-Sensor-Devices von verschiedenen Herstellern: einem Drucksensor von BMF, einem optischen Sensor von Cross Match® Technologies und dem kapazitiven TouchChip® Reader von ST Microelectronics. Ein PC diente zusammen mit einer Evaluationssoftware (Bromba GmbH) zur Speicherung der von den Sensoren aufgenommenen unverarbeiteten Rohbilder.

Für die grobe Bestimmung der Erkennungsleistung diente eine Bildschirmschoner-Applikation, die mit Hilfe der ID Device-Login-Software Version 5.1 und einer Siemens ID Mouse Professional betrieben wurde.

Präparation
Der rechte Zeigefinger des Probanden wurde hauchdünn mit Sekundenkleber bestrichen. Dies erfolgte durch Abstreifen des unmittelbar zuvor auf eine Papierkante aufgetragenen Klebstoffs auf den Finger.
Messung
Folgender Ablauf wurde für das Versuchsprogramm gewählt:
  1. Aufnahme eines Vergleichsfotos vom unbehandelten Finger
  2. 10 Authentifikationsversuche am handgestarteten Fingerprint-Bildschirmschoner
  3. Aufnahme von Fingerprintsensorbildern mit den drei zusätzlichen Sensor-Devices
Diese Abfolge war für jeden weiteren Test mit den drei verschiedenen Klebern zu verschiedenen Zeiten zu wiederholen.
Reinigung
Die Reinigung des Fingers wurde den natürlichen Gegebenheiten überlassen. Eine forcierte Reinigung fand nicht statt!

Ergebnisse

Die zehn Bildschirmschoner-Authentifikationsversuche erbrachten folgende Ergebnisse (0: unberechtigte Ablehnung, 1: erfolgreiche Erkennung):
 
Versuch
kein Kleber
Kleber 1
nach 1 Tag
Kleber 2
nach 2h
nach 1 Tag
Kleber 3
nach 1 h
1
1
0
1
0
0
1
0
0
2
1
0
1
0
0
1
0
0
3
1
0
1
0
0
1
0
0
4
1
0
1
0
0
0
0
0
5
1
0
1
0
1
1
0
0
6
1
0
1
1
1
1
0
0
7
1
0
1
0
1
1
0
0
8
1
0
1
0
1
1
0
0
9
1
0
1
0
1
1
0
0
10
1
0
1
0
1
1
0
0
 
Test 1
Test 2
Test 3
Test 4
Test 5
Test 6
Test 7
Test 8

Erläuterungen:

Test 1 ohne Kleberkontamination   Test 5 2 h nach Auftrag von Kleber 2
Test 2 Kontamination mit Kleber 1   Test 6 1 Tag nach Auftrag von Kleber 2
Test 3 1 Tag nach Auftrag von Kleber 1   Test 7 Kontamination mit Kleber 3
Test 4 Kontamination mit Kleber 2   Test 8 1 h nach Auftrag von Kleber 3

An dieser Auswertung lässt sich deutlich erkennen, dass der kontaminierte Finger bis auf einen Ausreißer die Benutzung des Bildschirmschoners nicht mehr zuläßt (Test 1, 2 und 7). Der Ausreißer (Test 4, Versuch 6) wiederum erklärt sich durch ein extrem dünnes Auftragen des zweiten Sekundenklebers (siehe Bilder unter Test 4), was sich auch darin zeigt, dass zumindest für die ersten beiden Sensoren zwischen den Bildern mit und ohne Kontamination kaum ein Qualitäts-Unterschied besteht.

Bei Kleber 1 war der Finger nach (spätestens) einem Tag wieder voll einsatzfähig (Test 3), Zwischenuntersuchungen wurden allerdings nicht durchgeführt. Kleber 2 war bereits nach 2 Stunden (Test 5) soweit wieder abgelöst, dass zumindest eine stark fehlerbehaftete Authentifikation möglich erschien. Nach einem Tag konnten keine kleberbedingten Probleme mehr festgestellt werden (Test 6).

Nachfolgend sind die Bildaufnahmeversuche für die einzelnen Versuchsschritte dargestellt. Es ist zu beachten, dass das subjektive Empfinden der Bildqualität oft nicht mit den tatsächlichen Verhältnissen übereinstimmt. Insbesondere liefert Sensor 3 (kapazitiv) für nicht kontaminierte Finger üblicherweise die besten Erkennungsraten, auch wenn die Rohbilder etwas anderes vermuten lassen!

 
 
 
 
 
Fingerbild
Drucksensor
opt. Sensor
kapaz. Sensor
Test 1 (ohne Kontamination):
Alle Sensorbilder zeigen eine optimale Bildqualität. 
Click to enlarge! Click to enlarge! Click to enlarge! Click to enlarge!
Test 2 (Sekundenkleber 1):
Sowohl der optische als auch der kapazitive Sensor zeigen nur noch nicht auswertbare Spuren des Fingerabdrucks, was offenbar auf die fehlende Feuchtigkeit bzw. Leitfähigkeit des Kleberfilms zurückzuführen ist. Der Drucksensor zeigt sich relativ unbeeindruckt, da offenbar das Oberflächenrelief der Fingerlinien nicht beeinträchtigt ist. 
Test 3 (Test 2 nach 1 Tag):
Es sind keine Kleberreste mehr zu erkennen, die Erkennungsleistung sollte wieder voll hergestellt sein. 
Test 4 (Sekundenkleber 2):
Dieser Kleber konnte Dank seiner dünnflüssigen Konsistenz sehr dünn aufgetragen werden. Alle Sensoren sind in der Lage, ein Bild zu zeigen, das aber im Kontrast und in der Qualität stark abgenommen hat. 
Test 5 (Test 4 nach ca. 2 h):
Obwohl die Kleberreste noch deutlich vorhanden sind, machen sich erste Ablösungserscheinungen bemerkbar. 
Test 6 (Test 4 nach 1 Tag):
Es sind noch leichte Kleberreste bemerkbar, die aber keine Beeinträchtigung mehr darstellen. 
Test 7 (Sekundenkleber 3):
Kleber 3 ermöglichte dank seiner gelartigen Konsistenz einen besonders dicken Auftrag. Obwohl die Oberflächenstruktur der Fingerlinien im Bild noch erkennbar ist, zeigen alle Sensoren mehr oder weniger unbrauchbare Bilder. Erwartungsgemäß ist mit der Information des Drucksensors noch am meisten anzufangen, auch wenn eine automatisierte Erkennung nicht machbar erscheint.