Bergwandern ist
sicher keine Risikosportart, aber ganz ungefährlich scheint sie dennoch
nicht zu sein. Derzeit sind es mal wieder die Kühe (eigentlich sind
an dieser Stelle Hausrinder gemeint), die in den Alpen Angst und
Schrecken verbreiten:
Nach tödlicher
Attacke durch Kühe: Neue Regeln für Wanderer in Österreich
Die Auswahl der
Pressemeldungen legt nahe, dass es sich hier um ein rein österreichisches
Phänomen handelt. So einfach werden wir es uns im folgenden aber nicht
machen. Zwar gilt: Je ausgefallener die Todesursache, desto ausgeprägter
das Medieninteresse. Denn wenn man sich die Zahlen so anschaut, scheint
es sich im Vergleich zu anderen Unfallursachen eher um eine Randerscheinung
zu handeln. Trotzdem dürfte es kaum einen Wanderer geben, der nicht
schon einmal ein mulmiges Gefühl hatte, wenn sich eine Rinderherde
fein säuberlich um den einzigen Zugang zur Weide geschart hat, den
auch der Wanderer nehmen muss. Und da hätte man dann doch gerne gewusst,
wie sich solch eine Situation gefahrlos meistern lässt!
Kann
diese Kuh wirklich böse sein? Sie erwartete mich am Ende einer Tour
schon von weitem am Wegesrand - und ließ sich dann willig fotografieren,
ohne sich von der Stelle zu bewegen.
Kühe
versammeln sich am liebsten dort, wo der Wanderer keine andere Wahl hat,
hier an einem Weidezaundurchstieg an der Oberen Maxlrainer Alm.
Nach jedem neuen
Vorfall steigt auch jedesmal wieder das Interesse an "amtlichen" Verhaltensregeln
im Umgang mit Kühen. Ist es wirklich nötig, beim Anblick einer
500 m entfernten Kuh schreiend die Flucht zu ergreifen? (Da ich die
ersten 10 Jahre meines Lebens auf dem Bauernhof verbracht habe, durfte
ich als kleiner Bub genau das ausprobieren, allerdings erst nachdem ich
das Gefühl hatte, da wäre die Kuh tatsächlich hinter mir
her. Am Hof angekommen, wunderte sich der Bauer dann, vor wem ich denn
da so schreiend davon laufe - von einer Kuh war jedenfalls weit und breit
nichts zu sehen...)
Leider stellt sich
immer wieder heraus, dass viele der dann gerne gehandelten Empfehlungen
eher Ratlosigkeit zurücklassen. Was mache ich zB mit der Äußerung
"Dabei ist es allerdings wichtig, auf den markierten Wegen zu bleiben.",
wenn sich die Rindviecher ausgerechnet auf dem Wanderweg versammelt haben?
Der Grundgedanke dieser Aussage (so sie denn ohne Hintergedanken ist) ist
sicherlich nicht ganz falsch, wenn die Tiere es gewöhnt sind, dass
sich der "normale, d.h. ungefährliche" Wanderer nur auf Wegen bewegt.
Nur sieht die Praxis oft anders aus, und was dann?
Edle
Rinder (Murnau-Werdenfelser) auf der Bucheralm
Inzwischen weiß
ich, warum man sich mit Ratschlägen so schwer tut. Leider sagt es
nur keiner! Schließlich ist es nicht so, dass sich eine Kuh wie eine
deterministische Maschine benimmt, die auf eine bestimmte Reizung mit einer
festgelegten Antwort reagiert. Das tut der Mensch nicht - auf den selben
dummen Spruch wird einer mit einer lustigen Antwort, ein anderer aggressiv
und ein dritter vielleicht gar nicht reagieren. Auch der Hund lässt
sich nicht über einen Kamm scheren. Einer will nur spielen, der andere
ist erst zufrieden, wenn er ordentlich zubeißen darf. Halten wir
fest:
Kuh ist nicht
gleich Kuh
Wie eine Kuh auf
einen Wanderer reagiert, hängt nicht nur vom Wanderer ab, sondern
auch von deren Laune, Erziehung bzw. Erfahrungsschatz, deren momentaner
Tätigkeit, ihrem "sozialen" Umfeld, ihrer Abstammung und Rasse und
vielen anderen Faktoren. Da wir das nicht alles wissen können, wird
es immer so etwas wie eine Zufallskomponente geben. Das bedeutet aber auch:
Hundertprozentige
Sicherheit wird es im Kontakt mit einer Kuh nie geben
Und das gilt nicht
nur für die Kuh, im Gegenteil: Kühe sind aus meiner Erfahrung
eher friedfertige Wesen! Und damit wären wir bei einem weiteren Punkt:
Die veröffentlichten Regeln scheinen wohl eher Erfahrungswerte zu
sein, ohne jeden wissenschaftlichen Hintergrund! Erfahrungswerte müssen
nicht falsch sein, leider gehen aber die vielen Randbedingungen verloren.
Als Konsequenz gibt es dann auch immer wieder scheinbare Widersprüche.
Erfahrungen Einzelner lassen sich deshalb selten verallgemeinern und treffen
nie auf 100% aller Fälle zu! Das heißt also, selbst wenn wir
uns streng an eine Regel halten, die aus dem "Mittelwert" vieler Erfahrungen
gewonnen wurde, kann es doch in einzelnen Fällen schief gehen. Das
fällt dann unter das allgemeine Lebensrisiko, das mathematisch gesehen
erst nach unserem Tode exakt null ist!
Keine
Sorge, diese Freudenreichkuh holt nicht zum Tritt aus. Da sollte man eher
bei Pferden aufpassen, wenn man hinter denen steht!
Wenn wir akzeptiert
haben, dass alle Regeln zum Umgang mit Kühen (wie auch mit Menschen)
heuristischer Natur sind, mit einer unbestimmten zufälligen Komponente,
erhebt sich dennoch die Frage, wie der Wanderer sein Risiko wenigstens
minimieren kann. Denn um jede Kuhherde einen weitläufigen Bogen zu
machen, ist im wahrsten Sinne des Wortes nicht immer zielführend.
Hier hilft uns ein Aspekt weiter, den Fraroe
auf hikr.org
geäußert hat
"Es kommt wohl auch
den wenigsten in den Sinn, in eine IVer Kletterroute einzusteigen, ohne
sich vorher die elementaren Grundkenntnisse anzueignen."
Für mich bedeutet
das: Wenn sich der Kontakt mit Kühen schon nicht vermeiden lässt,
sollte ich über gewisse Grundkenntnisse verfügen und nicht nur
das:
Je besser
ich die Situation einschätzte, desto geringer das Risiko (mit der
Kuh)
Das setzt natürlich
voraus, dass ich mein Verhalten als Wanderer der Situationseinschätzung
auch anpasse. Und das geht nicht ohne intensivere praktische und theoretische
Beschäftigung mit der Materie Kuh!
Bekannte
Risikofaktoren
Die nachfolgenden
Erkenntnisse sind leider nicht wissenschaftlicher Natur, sondern vielmehr
gefühlsmäßig aus den Informationen der aktuellen Vergangenheit
und deren Dichte zusammengetragen. Sie können deshalb nicht nur im
Einzelfall (siehe oben), sondern auch in der Allgemeinheit falsch sein,
denn: Sowenig man vom Einzelfall auf die Allgemeinheit
schließen kann, lässt sich der Einzelfall aus der Allgemeinheit
ableiten! Unter Risiko verstehe ich eine Größe,
die sowohl die Wahrscheinlichkeit des Auftretens als auch die Schwere eines
Schadens umfasst!
Risiko-Faktor
Risiko
Beschreibung
Hund
hoch
Hunde werden von
Kühen als Bedrohung wahrgenommen, so dass die Kuh mit Angriff reagiert,
der sich auch gegen den begleitenden Menschen richten kann.
Mutterkuh-
Herde
hoch
Bei der Mutterkuh-Haltung
werden Kälber von ihren Müttern selbstständig großgezogen.
Ziel ist in der Regel die Fleisch-Produktion, die Milch dient der Kälbernahrung,
so wie die Natur es vorgesehen hat. Kühe verteidigen ihre Kälber
mit allen Mitteln.
Stiere / Bullen
hoch
Wie beim Menschen
scheinen auch männliche Rinder grundsätzlich eher zu aggressivem
Verhalten zu neigen und verteidigen sogar Ihren Grund. Ihre Haltung auf
Weiden verlangt besonderen Schutz und Kennzeichnung. Auf Wanderwegen muss
man üblicherweise nicht mit Stieren rechnen.
Ochsen
mittel?
kastrierte Stiere
sind weit weniger agressiv
Jungtiere
gering
Jungtiere zeichnen
sich durch intensiven Spieltrieb aus.
Kuhherde
gering
Dient die aus weiblichen
Rindern bestehende Kuhherde vorrangig der Milch-Produktion, besteht ein
enger Kontakt zum Menschen.
Historie
?
Hat eine Kuh schlechte
Erfahrungen mit einem Menschen oder seinem Hund gemacht, kann sich das
negativ auf nachfolgende Wanderer auswirken.
Kommen mehrere nichtausschließende
Risikofaktoren zusammen, vergrößert sich das Risiko unweigerlich.
Besonders die Kombination aus Hund und Mutterkuhherde verspricht intensiven
Ärger.
Verhaltensregeln
Wie ich mich im
Berg tatsächlich verhalten soll, hängt natürlich von meiner
Risikobereitschaft ab. Hier könnte es sich lohnen, das Risiko Kuh
mit den restlichen Risiken (Anfahrt, Wetter, Gelände, Schwierigkeitsgrad,
fehlende Übung, etc.) zu vergleichen, was zumindest mir wegen fehlender
quantitativer Größen nicht so recht gelingen will.
Wer jegliches
Risiko scheut, bleibt daheim
Wenn ich irgendwo
einen Hund in der Nähe einer Herde sehe, bleibe ich auf Abstand. Wäre
ich selbst mit Hund unterwegs, würde ich mich tatsächlich von
jeglicher Kuh fernhalten. Es gibt den Tipp, Hunde angeleint zu lassen.
Wahrscheinlich steckt der Gedanke dahinter, dass die Kuh den Unterschied
bemerkt und dann weniger zur Aggression neigt. Vielleicht ist der Tippgeber
aber auch ein Jäger, der mit einer Klappe gleich zwei Fliegen schlagen
will. (Bei manchen Ratschlägen tut man sich tatsächlich schwer,
den wahren Grund zu erkennen!). Kommt dann die Kuh auf einen zu, soll man
den Hund schnell ableinen, wohl in der Hoffnung, dass der schleunigst das
Weite sucht und sich nicht entweder hinter dem Herrchen verkriecht oder
dieses gar zu verteidigen versucht.
Bei Mutterkuhherden
würde ich ebenfalls eine Umgehung vorziehen, wohl auch mangels eigener
Erfahrung, denn in Deutschland bin ich bisher mit einer Ausnahme (Hochlandrinder)
nur auf Kuhherden und Jungtiere gestoßen. Spätestens hier merkt
der Leser vielleicht, dass ich mich um Empfehlungen für andere herumdrücke.
Das überlasse ich tatsächlich lieber den im Internet erhältlichen
Informationen und Meinungen, so widersprüchlich sie manchmal auch
sein mögen:
Eigene
Erfahrungen mit Weide- und Wildtieren - nicht
verallgemeinerbar!
Kühe.
Seit meiner Kindheit hatte ich eigentlich nie wieder Probleme mit Kühen.
Zwar kamen einmal einige Bullen (Ochsen?) auf mich zugerast, als ich gerade
vom Rennrad abstieg, um es mir auf einer Bank gemütlich zu machen.
Zum Glück trennte uns aber ein Zaun. Der Spurt hat aber wenigstens
gereicht, um sich bei mir gehörigen Respekt zu verschaffen.
Was ich natürlich
als Jugendlicher auch nicht lassen konnte: Kühe ärgern! Dazu
geht man ganz einfach in der Nähe einer Kuhherde auf allen Vieren
in die Hocke und versucht, einen Hund nachzumachen. Funktioniert wunderbar,
man sollte sich nur von keiner Kuh erwischen lassen und rechtzeitig zum
Sprung über den nächstgelegenen Weidezaun ansetzen!
Dieses
Rindvieh stand mitten auf einer Engstelle des Wendelstein-Westgrats. Alles
gute Zureden half nichts, also habe ich sie links umklettert. (Auf der
anderen Seite angekommen, hat sie dann doch den Grat geräumt!)
Ansonsten, soweit
es sich um Kühe, also weibliche Rinder handelt, habe ich keine Probleme,
mich unter die Herde zu mischen, wenn mir der Weg versperrt wird oder aber
Kühe gemütlich auf mich zukommen zu lassen, wenn gerade eine
Rast angesagt ist. Natürlich werden sie von mir auch gestreichelt
und dabei angeschaut. Allerdings kann die Neugier der Kühe recht bald
in Aufdringlichkeit umschlagen. Offensichtlich an dem Salz in meiner verschwitzten
Kleidung interessiert, wird alles abgeleckt und am liebsten mit der Raspelzunge
gleich komplett eingesaugt. Hier sollte man dann doch Einhalt gebieten,
ein paar starke Worte und Zurücktreten sind hilfreich. Auf Dauer wird
das aber lästig und ich trete den Rückzug an. Bücken, um
einen umgefallenen Stock aufzuheben oder beim Rückzug den Viechern
den Rücken zuzuwenden, war bisher ebensowenig ein Problem. Das mag
allerdings bei aufgeregten Tieren anders sein!
Freudenreichkuh.
Alle haben sie nur eins im Sinn: Salz von der Kleidung ablecken!
Sollte das Salz
gemundet haben, muss man damit rechnen, dass die Kühe hinter einem
herkommen. Hier hat es bisher immer geholfen, den Bauern zu imitieren:
kräftige Stimme plus Hinweis auf den Stock (falls einer da ist)!
Sobald ich mit Stecken
unterwegs bin, scheinen die Kühe sogar einen gewissen Respekt vor
mir zu entwickeln. So kam mir einmal auf einer einspurigen Wegstrecke eine
Kuhherde entgegen. Ich bin extra zur Seite getreten, die haben sich dennoch
nicht an mir vorbei getraut, sondern blieben alle hintereinander stehen.
Erst als ich in eine Nische zurückging, die einen ausreichend großen
Sicherheitsabstand gewährte, ging es weiter, aber so, als hätte
ich die Krätze.
Schafe.
Oft bin ich ihnen noch nicht begegnet, aber wenn, dann laufen die Viecher
ebenfalls erst einmal weg. Bleibt man dann ruhig und geht etwas in die
Hocke, kommt erst der Leithammel und dann auch alle anderen mit immer dem
gleichen Begehr: Salz! Jungtiere werden dann auch schon einmal übermütig
und versuchen einen zu bespringen...
Hat
man erst einmal das Zutrauen der Schafe gewonnen, bedarf es einiger Anstrengungen,
sie wieder loszuwerden.
Auch diese Erfahrung
lässt sich nicht verallgemeinern. So hat Maxl
auf Hikr.org
(schöner Artikel von AliAigner)
bewiesen, dass man in der Gegenwart von Schafen mindestens 2 m Abstand
zum Abgrund halten und seinen Fotoapparat rechtzeitig in Sicherheit bringen
sollte!
Pferde.
Diese Spezies ist mir am wenigsten geheuer. Auch diese Viecher scheinen
an Salzmangel zu leiden. Hier half es bisher, einfach nur ruhig zu bleiben,
sich aber wie bei den Kühen nicht zu viel gefallen zu lassen.
Füchse &
Hirsche. Haben bisher immer das Weite
gesucht, wenn ich des Wegs kam!
Gämsen.
Gämsen reagieren recht unterschiedlich. Entweder fliehen sie, nicht
ohne vorher noch ihren heiseren Pfeifton erschallen zu lassen. Manchmal
wird man hingegen kaum zur Kenntnis genommen. Aber es gibt da noch ein
anderes Problem: Auch wenn mir der 100%ige Beweis noch fehlt, bisher ist
es mir zweimal in wenig schotterverdächtigen Steilgrashängen
passiert, dass ein bis zu kinderkopfgroßer Steinbrocken meine Bahn
mit Karacho kreuzte. Da Gämsen in der Nähe waren und auch andere
Wanderer von solchen Vorkommnissen berichteten, ist wohl nicht ganz auszuschließen,
dass das "Steinewerfen" eine Verteidigungsmethode der Gämsen gegen
unerwünschte Reviereindringlinge ist! Hier könnte es sich lohnen,
einen Helm dabei zu haben und nach einem Warnpfiff etwas zu warten, bis
sich die Viecher verzogen haben.
Unter
einem können Gämsen wenigstens nicht mit Steinen werfen!
Wildschweine.
Mit Wildschweinen hatte ich bisher noch nicht das zweifelhafte Vergnügen.
Steinböcke.
Sind mir bisher nur von weitem begegnet, obwohl die weit weniger scheu
sein sollen als Gämsen. Manchmal muss man sich vor ihnen sogar in
acht nehmen, natürlich war auch hier wieder ein Hund im Spiel:
Hasen.
Der einzige Hase, der mir bisher im Wald begegnet ist, kam von hinten auf
mich zugerast. (Bis dato war ich immer der Meinung, Hasen würden vor
dem Menschen fliehen...) Ein lauter Ruf hat ihn dann aber doch zur Räson
gebracht.
Bären und
Wölfe. Sind mir bisher zum Glück
erspart geblieben. Obwohl - für meine Kamera wäre es ein gefundenes
Fressen... Weitere Infos findet man hier: wolfsregion-lausitz.de/....
Leider erfährt man auch dort (noch?) nichts über den Umgang mit
Wolfsrudeln. Oder auf Spiegel-Online: "Nicht
wegrennen!".
Hausschweine.
Schweine werden schon einmal auf Almen gehalten und können sogar beißen.
Letzteres ist zum Glück nicht mir passiert und dürfte bei freilaufenden
Schweinen eher selten vorkommen. Warum das Schwein der Fellalm am Kleinen
Traithen sich damals nicht nur für die Erde unter der Grasnarbe interessierte,
sondern auch für meine Schuhe, kann ich bis heute nicht nachvollziehen.
Jedenfalls habe ich sie vorsichtshalber rechtzeitig zurückgezogen!